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Dr.
Ratte: Angriff von Innen
Interne
Parasiten (Endoparasiten)
Parasiten
sind Organismen, die sich auf einen sehr, sehr bestimmten Lebensraum
spezialisiert haben: Auf ihr Wirtstier. Wenn der Wirt stirbt, stirbt
auch der Parasit. Deswegen führen parasitäre Erkrankungen
nur selten zum Tod des Wirtes. Der Parasit schädigt ihn zwar, aber
nicht so weit, dass er sich selbst seinen Lebensraum zerstört.
Aber
Parasiten schwächen die Ratte: Sie holen sich ihre Nahrung, indem
sie sich Nährstoffe, Blutbestandteile oder Zelleninhaltsstoffe
von den Ratten klauen. Sie halten sich im Wirt auf, verankern sich z.B.
in dessen Darmschleimhaut. Ihre Stoffwechselprodukte drücken sie
ihrem Wirt aufs Auge. Sie vermehren sich und benutzen den Wirt als Wiege
für ihre Nachkommenschaft. Der Körper des Wirts wehrt sich
mit Entzündungsreaktionen, das Immunsystem des Wirtes wird im Dauer-Alarmzustand
gehalten und geschwächt. Parasiten töten Ratten nur selten
- aber sie sorgen dafür, dass so der Gesundheitszustand des Tieres
geschwächt wird. Und dies bedeutet, dass das Tier anfälliger
wird für andere Krankheiten und Infektionen und im Zweifelsfalle
auch früher stirbt.
Wer
des öfteren Regionalgruppentreffen besucht, weiß, dass Haarlinge
und Flöhe (sie gehören zu den äußeren, den Ektoparasiten)
ein häufiges Thema sind. Viel seltener jedoch werden die inneren
parasitären Erkrankungen (durch Endoparasiten) angesprochen. Ich
möchte mit diesem Artikel eine Übersicht geben über die
möglichen Verursacher, wie man sie diagnostizieren kann und welche
Krankheiten sie auslösen. Ich kann jedoch keine Richtlinien oder
Vorschläge für Medikamente oder die hygienischen Maßnahmen
geben. Dies würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es ist sowieso
nötig, dass man als Rattenhalter den Tierarzt aufsucht und eine
Diagnose erstellen oder sichern läßt, der Tierarzt sollte
dann auch derjenige sein, der die richtige Therapie einleitet und Desinfektionsmaßnahmen
empfiehlt, da er für die Therapie mitentscheidende Faktoren wie
Alter und Gesamtzustand des Tieres und Haltungsbedingungen des Besitzers
kennt und diese in seine Überlegungen miteinbeziehen kann. Praktische
Fragen, wie z.B. die Reinigung von Käfigstangen, Holzbrettern oder
des Teppichs können ebenso vom Tierarzt beantwortet werden.
Protozooen
Protozooen sind Einzeller. Ihre Vermehrung erfolgt durch Zweiteilung.
Beim Menschen sind bekannte Protozooeninfektionen z.B. Malaria und Toxoplasmose.
Cryptosporidium parvum
Es ist ein Darmparasit, der bei zahlreichen Säugetierarten, Vögeln,
Reptilien und Fischen vorkommt. Der Infektionsweg ist fäkal-oral,
das bedeutet, dass infektiöse Partikel mit dem Stuhl ausgeschieden
werden und über mit Stuhl kontaminierte Gegenstände (Käfig,
Sitzbretter, Rattenfell....) in das Maul gelangen, wo sie hinuntergeschluckt
werden, um sich so in einem neuen Wirt (oder auch demselben) anzusiedeln.
Bei Ratten verursachen sie keine oder kaum Symptome, allerdings wird
ebenso von Durchfallerkrankungen mit hoher Sterblichkeit bei Rattenkindern
berichtet.
Die Diagnose wird durch histologisch Untersuchungen (Gewebeschnitte
unter dem Mikroskop) der Darmschleimhaut des toten Tieres gesichert.
(Dies hilft zwar dem einen Tier nicht mehr, aber die Käfiggenossen
können hiervon profitieren!)
Eimeria neischulzi
(und mehr als 6 weitere Eimeria-Arten):
Kommt in wildlebenden Ratten vor, wird in Laborrattenstämmen als
nicht existent beschrieben. Heimtierratten können sich fäkal-oral
infizieren, wenn sie z.B. im Freien in Gebieten herumlaufen, in denen
zuvor die wilden Artgenossen die Erreger ausgeschieden haben. Es tritt
eine leichte Darmerkrankung (meist mit mildem Durchfall) auf. Junge
Ratten sind besonders schwer betroffen. Im Kot kann der Befall nachgewiesen
werden.
Giradia muris:
Verursacht entweder keine sichtbaren Symptome (aber z.B. Veränderungen
der Blutparameter) oder Durchfall und eine geringgradige chronische
Darmentzündung, die histologisch nachweisbar sind. Der Nachweis
gelingt durch die mit dem Kot ausgeschiedneen Cysten.
Spironucleus
muris:
Die Durchseuchung der Ratten mit diesem Parasit ist hoch. Er macht so
gut wie nie alleine Symptome. Aber wenn eine andere schwächende
Erkrankung vorliegt, kann es sein, dass die Ratte sich zu allem Überfluß
noch zusätzlich mit Durchfall herumzuschlagen hat. Nachweis: Histologisch
oder durch direkten Nachweis der Cysten in frischem Kot.
Entamöba
histolytica:
Der Erreger löst milde bis starke Durchfälle aus und kann
in seltenen Fällen zu Abszessen der inneren Organe führen.
Ungünstigerweise kann sich auch der Mensch daran infizieren. Günstigerweise
kommt diese Erkrankung in Europa nur selten vor, sie ist in den Tropen
jedoch sehr häufig. Der Infektionsweg ist - wie so oft - fäkal-oral.
Die Diagnose ist etwas schwierig, da nur superfrischer Stuhl (10 Minuten
nach Absetzen), der sofort weiterverarbeitet werden muß, sich
zur Diagnosestellung eignet.
Toxoplasma
gondii:
Auch Ratten können Toxoplasmose bekommen. Sie holen sich diese
meist, wenn sie in Kontakt mit Katzen- oder Hundekot gelangen. Deswegen
sei es allen Kleinzoobesitzern unter uns dringend geraten,
die Ratten aus dem Katzenklo fernzuhalten, da die Durchseuchung unter
Katzen-Freigängern enorm ist.
Helminthen:
Helminthen sind Würmer. Bedeutung für die Ratten haben die
Nematoden (Fadenwürmer) und die Cestoden (Bandwürmer).
Nematoden
Sind unsegmentierte getrenntgeschlechtliche Würmer, die beim Menschen
z.B. bis zu einem Meter lang werden können.
Syphacia
muris:
Dieser Hakenwurm ist der am häufigsten vorkommende Wurm der Ratten.
Er wird fäkal-oral übertragen. Mit viel Glück
kann man diese Würmer im Kot der Ratten erkennen: Weibliche Würmer
werden 2,8-4 mm groß, männliche 1,2-1,3 mm. Zusätzlich
zur obligatorischen Schwächung der Immunabwehr (wie bei jeder chronischen
Infektion) können sie - wer hätte es gedacht! - Durchfall
auslösen.
Trichosomoides
crassicauda:
Durch die Blutbahnen können die Würmer, die sich normalerweise
in der Leberkapsel ansiedeln, in die Lunge wandern und dort zu Läsionen
führen. Die Symptome sind kaum ausgeprägt und die Erkrankung
verläuft meist milde, wenn auch chronsich (wie fast alle Parasitenerkrankungen).
Oxyurien:
Leider konnte ich nicht nachvollziehen, wie genau der Parasit heißt,
der sich die Ratten als Wirte ausgesucht hat. Jedoch teilte man mir
einmal in einem Sektionsprotokoll als Nebenbefund einen Befall mit diesem
Parasiten mit, also sind die Ratten auch von diesem Wurm bedroht. Beim
Menschen leben die Madenwürmer überwiegend im Dickdarm. Die
Weibchen wandern zum Anus, verlassen diesen meist nachts und kleben
ihre Eier an der Haut rundherum fest. Der Juckreiz am nächsten
Morgen führt zu einer Verteilung der Eier auf die Hand und von
der Hand erfolgt eine Neuinfektion durch den Mund. Ich muß sagen,
dass mir trotz des Befalls ein größeres Bedürfnis meiner
Ratten, sich im Anogenitalbereich zu lecken, damals nicht aufgefallen
ist. Bei diesem Wurm schreibe ich denn doch einmal die hygienischen
Maßnahmen hinzu, um aufzuzeigen, wie sehr diese von der Parasitenart
selbst abhängen:
Zu Beginn: Intensive Säuberung (Scheuerdesinfektion) mit einem
handelsüblichen Desinfektionsmittel. Glücklicherweise hilft
dann die Natur etwas mit: Nach 2-3 Wochen in selbst in feuchter Umgebung
sind die Wurmeier nicht mehr lebensfähig. Mit einer Verlegung üblichen
Auslauf-Zimmer aushungern, und während des Umzuges
ins Bad ist neben der medikamentösen Therapie weiterhin peinlichste
und häufige Säuberung des Käfigs und des Auslaufs notwendig.
Nach entsprechender Wartezeit können dann Käfig und die sanierten
Ratten wieder an Ort und Stelle zurückgebracht werden.
Es gibt noch andere Fadenwurmarten, die in Ratten parasitieren. Meist
werden sie fäkal-oral übertragen, aber nicht unterschlagen
werden sollte auch der recht unbekannte Weg über das fressen von
wilden Insekten wie Fliegen, Küchenschaben oder auch Mehlwürmern.
Cestoden
Die Bandwürmer sind segmentiert, so dass einzelne Segmente (Proglottiden)
sich am hinteren Ende des Wurms, der sich im Darminneren aufhält,
ablösen können und über den Stuhl ausgeschieden werden
können. Im Kot kann man kleine, rechteckige, flache weißliche
Segmente beobachten, die die Bandwurm-Eier freigeben, sobald der Kot
eintrocknet. Die meisten Cestoden müssen einen Wirtswechsel durchmachen.
Cysticercus
fasciolaris:
Ist glücklicherweise selten! Er siedelt sich in der Leber ab und
verursacht dort Cysten (in diesem Falle keine Vermehrungsform der Parasiten,
sondern flüssigkeitsgefüllte Hohlräume). Der Körper
der Ratte reagiert hierauf mit Abkapselung durch bindegewebigen Umbau:
Die Leber verliert ihre Leberzellen und bekommt dafür viele Bindegewebsfasern,
die natürlich nicht in der Lage sind, die Arbeit der Leber zu verrichten.
Die Gefahr, an einem Tumor der Leber zu erkranken, schnellt für
infizierte Tiere dramatisch in die Höhe. Im Tierversuch wurde diese
parasiteninduzierte Tumorentwicklung lang und breit beschrieben.
Anstecken können Ratten sich an Katzenfutter, von dem die Katze
(Wirtswechsel!) schon gefressen hat und am Katzenkot.
Hymenolepsis
nana:
Der Zwergbandwurm kommt zwar am häufigsten in warmen Ländern
vor, aber auch hier in Mitteleuropa gibt es Erkrankungen. Er ist ohne
Zwischenwirt direkt übertragbar. Im Gegensatz zu anderen Bandwurm-Arten
werden auch nicht die Proglottiden ausgeschieden, sondern die Eier.
Diese können sich dann schier überall befinden: An den Käfigstangen,
an der Wasserflasche, im Haar von Ratte und vom Mensch, an den Händen,
in der Schmuseecke auf der Couch. Und noch etwas: Der Mensch kann sich
ebenso infizieren! Manchmal sind Zwischenwirte in die Entwicklung eingeschaltet,
über die sich die Ratte ebenso infizieren kann: Käfer, Schaben,
Flöhe. Nachgewiesen werden die Eier im Stuhl.
Echinokokkus
multilocularis:
Der berühmt-berüchtigte Fuchsbandwurm benutzt Nagetiere als
Zwischenwirt. Aufgenommen werden die Erreger durch fäkal-orale
Infektion, wenn die Ratte ihre Nase unglücklicherweise in Fuchskothäufchen
steckt oder - viel häufiger - wenn sie von Früchten frißt,
die vorher ein erkrankter Fuchs schon beschnüffelt hat. Auf genau
dieselbe Art kann sich auch der Mensch anstecken. Am häufigsten
kommt es zu Lebercysten, aber es kann auch Absiedelungen in der Milz,
der Lunge oder dem Hirn kommen. Es dauert einige Zeit, bis sich die
Parasiten im Zwischenwirt Mensch oder Ratte häuslich eingerichtet
haben. Dies führt Monate nach der eigentlichen Infektion zu einer
wahrhaft bedrohlichen Angelegenheit für Ratte und Mensch.
Risikoeinschätzung:
Wenn man liest, was sich Ratten alles über ihre wildlebenden Verwandten
oder von anderen Tieren einfangen können, wird einem erst mal Angst
und bange und man wundert sich, warum die Tiere nicht täglich einmal
ins Gras beißen! Glücklicherweise sind unsere Tiere ja durch
mehrere Haus- und Wohnungstüren vor solchen Gefahren sicher geschützt.
Nun muß man vor allem dafür Sorge tragen, dass parasitenfreie
Ratten möglichst parasitenfrei bleiben.
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Was
sollte man tun -
was sollte man lassen?
-
Manche Ratten sind zwar so zahm, dass man sie im Park auch auf
dem Rasen laufen lassen könnte, aber angesichts der Gefahr,
der man sie dadurch aussetzt, ist es leichtsinnig, dies zu tun.
-
Auf Laub, das schon längere Zeit am Boden lag, sollte man
als Spielplatz für die Ratten verzichten.
-
Heu ist nicht nur bekannt dafür, Haarlinge mitzubringen,
ebenso können sich so Endoparasiten zu den Ratten schleichen.
- Man
sollte sich die Hände waschen, bevor man die Ratten anfaßt,
damit eventuelle Hundestreicheleinheiten nicht fatal für
die eigenen Ratten zuhause werden.
- Man
sollte sich die Hände waschen, nachdem man mit den Ratten
gespielt hat, um eine Übertragung von Käfig zu Käfig
oder auf einen selbst zu vermeiden.
- Wenn
Tiere im Haushalt leben, die Freigang haben (z.B. Katzen, Hunde,
Meerschweinchen oder Kaninchen), sollte man auf regelmäßige
Entwurmung und auf Krankheitsanzeichen (insbesondere Durchfall)
achten.
- Es
kann nicht schaden, den Tierarzt um die Beurteilung von Kotproben
von Tieren der Gemeinschaft zu bitten.
- Erst
recht nicht schadet es, bei durchfallerkrankten Tieren an eine
Parasiteninfektion zu denken und diese versuchen, nachzuweisen.
- Es
lohnt sich finanziell, wenn Halter vieler Tiere neu hinzugenommene
Tiere erst in Quarantäne setzen (dies ist auch gut hinsichtlich
anderer Infektionskrankheiten) und das Untersuchungsergebnis
der Kotprobe abwarten.
- Man
sollte im Hinterkopf behalten, dass auch scheinbar gesunde Ratten
Parasitenträger sein können.
- Auch
bei nicht für Parasiten typischen Erkrankungen sollte man
an einen die Grunderkrankung verschlimmernden Parasitenbefall
denken.
- Um
den Parasitenbefall entgültig zu beseitigen, ist eine gründliche
Hygiene und peinlichstes Befolgen der ärztlichen Anordnung
nötig.
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Quellen:
Debbie Ducommun, Rat health care
Barthold: Infectious diseases of mice and rats
Kayser, Bienz, Eckert, Lindenmann: Medizinische Mikrobiologie
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