|
Dr.
Rattes Sprechstunde
Friß
oder stirb! Medikamentengabe bei Ratten
Auch
wenn wir unsere Pelznasen lieber gesund als krank sehen, so kommt es
leider doch vor, dass eine Behandlung mit Medikamenten unumgänglich
ist.
Ich möchte heute Vorschläge machen, wie verschiedene Medikamenten
am besten in die Ratte hineinzupraktizieren sind - zusammengetragen
wurden sie von mir, entstanden sind sie bei einer Vielzahl von Rattenhaltern,
mit denen ich gesprochen habe und die mir immer neue Tricks verraten
haben. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle und ein Hoch auf unsere
Regionaltreffs, bei denen die Mehrzahl der Ideen ausgetauscht wurden!
In der Regel bekommt man vom Tierarzt eine genaue Dosierungsanleitung
mit auf den Weg gegeben: Z. B.: "Zweimal täglich eine halbe
Tablette 10 Tage lang verabreichen." Der Tierarzt hat hier den
Zeitabstand, die Menge und die Dauer der Gabe definiert.
Der
Zeitabstand ist wichtig,
denn bei zu seltener Gabe (in unserem Beispiel einmal täglich)
kann der Wirkstoffspiegel im Blut zuletzt so weit abfallen, dass keine
Wirkung mehr eintritt. Wenn man im Gegenzug gleichzeitig die Dosis erhöht
(z.B. einmal täglich die doppelte Dosis), dann steigt dieser Wirkstoffspiegel
eventuell so sehr an, dass die Nebenwirkungen (alte Medizinerweisheit:
Keine Wirkung ohne Nebenwirkung) so stark sind, dass sie den Erfolg
der Behandlung gefährden oder sogar den Körper regelrecht
vergiften können.
Die
Dauer der Anwendung ist wichtig,
damit z.B. Bakterien keine Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln
können. Bei zu kurzer Anwendung überleben eventuell resistente
Keime, die dann dem kranken Tier oder seinen Käfiggenossen wieder
zu schaffen machen - aber mit dem Antibiotikum, das beim letzten Mal
noch half, nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Die Probleme, die
dann entstehen, müssen nicht nur auf die Ratten beschränkt
bleiben.
Die
Problematik bei Ratten ist,
dass sie relativ klein sind. Tabletten für Hunde oder Katzen sind
in der Regel für mehrere Kilogramm Körpergewicht (kg KG) dosiert,
unsere Ratten wiegen meist nur zwischen 200g und 700g. So ist der erste
Schritt das Wiegen der Ratte. Danach kann dann die benötigte Dosierung
im klassischen Dreisatz errechnet werden:
Beispiel:
es werden 4mg Wirkstoff pro kg KG benötigt.
Rattengewicht: 300g
Benötigte Wirkstoffmenge für diese Ratte: 4mg geteilt
durch 10 ergibt die Menge, die für 100g Ratte nötig
wäre = 0,4mg.
Multipliziert x 3 ergibt die Menge, die für die Patientenratte
nötig sind, also 0,4mg x 3 = 1,2mg. Jetzt gilt es nur noch,
die Menge Medikament zu bestimmen, in der sich 1,2mg Wirkstoff
befinden, dies geschieht auf ähnliche Art und Weise. |
Wie
kann man die Dosierung möglichst genau einhalten?
Bei Tabletten zermörsert man am besten die gesamte Tablette mittels
eines Teelöffels in einem hochwandigen, glattwandigen und relativ
stabilen Gefäß mit möglichst gebogenem Boden (also ohne
Innenkante, in der sich Krümel festsetzen können, z.B. Mörser).
Alle Krümel werden dann in bester Rauschgift-manier auf einer glatten,
sauberen Fläche gesammelt und mit einem glatten Gegenstand (Messer,
Lineal, Rasierklinge) zuerst zu einem Haufen und dann zu einer möglichst
gleichmäßig dicken Linie geformt. Nun kann diese Linie in
entsprechend viele Teile geteilt werden. Den benötigten Teil der
Krümel kann man der Ratte dann unter eine sehr kleine Menge Lieblingsfutter
(damit sie auch wirklich alles verputzt) mischen: Joghurt, Babybrei,
Nougat usw.
Hierzu
ein Tip:
Babybrei kann in Kleinstmengen in Eiswürfelschalen eingefroren
werden. So hält er sich länger und man hat immer eine kleine,
frische Menge Brei zur Hand. (Hat jemand eine gute Lösung, wie
man die restlichen Tablettenanteile für den Rest der Zeit vor Zugwind
und Verschmutzung schützen kann?)
Ich rate aus eigener Erfahrung von einem ,Auflösen' von Tabletten
in Wasser ab. Die Menge der Flüssigkeit verdunstet recht schnell
und kann so nicht genau geteilt werden. Außerdem hat man häufig
weiterhin feste Bestandteile in der "Tablettensuppe".
Nun kommt es auf die chemische Struktur des Medikamentes an: Löst
sich der Wirkstoff gut in Wasser, so ist die Substanz vermutlich komplett
in die Flüssigkeit übergegangen ? ist der Wirkstoff wasserabweisend,
so befindet sich ein Großteil der Chemie noch im ,Bodensatz'.
Um sicherzugehen, dass das Medikament auch verabreicht wurde, muß
man sowohl die Flüssigkeit als auch die festen Bestandteile aufschlämmen
und verabreichen - und das endet meist eher in einer großen Sauerei
als im Magen der Ratte.
Sirup und Saft machen auch nur wenig Schwierigkeiten in der Dosierung
und Gabe: Die benötigte Menge kann entweder mittels Spritze (ohne
Nadel) ins Mäulchen gegeben werden - wenn die Ratte auf dem Rücken
liegend oder in der Senkrechten gut festgehalten wird - oder die Flüssigkeit
wird unter Leckerlis (siehe oben) gemischt. Stark aromatische oder süße
Leckerlis eignen sich hierzu besser, um den eventuell schlechten Geschmack
des Medikamentes zu überdecken.
Um
kleine Mengen Flüssigkeit genau dosieren zu können, können
in jeder Apotheke unter dem Namen "Tuberkulinspritze" Spritzen
mit Hundertstel-Mililitereinteilung und einem Gesamtvolumen von 1 ml
erworben werden. Da sie steril verpackt sind, eignen sie sich auch für
Injektionen, falls ein Rattenbesitzer diese Technik beherrscht und vom
Tierarzt entsprechende Medikamente verordnet bekommt.
Falls die Konzentration der Medikamente zu hoch ist, um sinnvoll dosieren
zu können, kann man den Tierarzt bitten, das Medikament mit einer
geeigneten Flüssigkeit zu verdünnen. So kann dann z.B. die
vierfache Menge Volumen (weil die Konzentration geviertelt wurde) genauer
abgemessen werden.
Beispiel:
Statt 0,005ml (also lediglich 5 Teilstrichen einer Tuberkulinspritze)
würden bei einer Vierfach-Verdünnung 0,04 ml gegeben werden.
Hier hat man, wenn man sich um einen Teilstrich vertut, nur noch eine
Differenz von 5% zwischen gewünschter und verabreichter Dosis statt
20% (also glatt einem Fünftel) bei der Ausgangskonzentration.
Tropfen werden meist in ganz geringer Anzahl verabreicht. Einen oder
zwei Tropfen kann man deswegen der Ratte auf einem harten Leckerbissen
(z.B. Cornflakes oder Hartkäse) anbieten.
Wenn Tropfen verdünnt werden müssen (halbe Tropfen sind außergewöhnlich
schwer herzustellen...) sollte ein Verdünnungsmittel gewählt
werden, das in etwa dieselben Fließeigenschaften hat wie das Medikament:
Bei alkoholischen Lösungen sind meist 40-45 Tropfen ein Mililiter,
bei dicken, sämigen Lösungen sind es meist um die 20 Tropfen
- genaueres zum jeweiligen Medikament wissen meist Arzt oder Apotheker.
Der Tropfaufsatz entscheidet auch mit über die Größe
der Tropfen - wenn man sich also vom Apotheker eine Verdünnung
herstellen läßt, sollte darauf geachtet werden (wenn man
kranke Tiere zuhause hat, dann ist man doch meist beim Arzt und Apotheker
etwas zu aufgeregt um an alles gleichzeitig zu denken, so geht's zumindest
mir), dass man zuhause den Originaltropfaufsatz zur Dosierung benutzt.
Spritzen:
Jedem, dem der Tierarzt Spritzen zur Injektion unter die Haut (subcutan,
s.c.) mitgibt, sollte klar sein, dass die hygienischen Grundbedingungen
eiingehalten werden müssen, um dem Tier nicht zu schaden. Insbesondere
sollten Medikamente nicht überlagert werden und der Vorschrift
entsprechend (z.B. im Kühlschrank, wegen der geringeren Keimteilungsrate)
gelagert werden. Angebrochene Stechampullen sind in der Regel zwischen
einer und vier Wochen haltbar. Wie lange jeweils Injektionslösungen
aus Brechampullen benutzt werden sollen, ist beim Tierarzt zu erfragen.
Praxistip:
Für das sehr beliebte Antibiotikum Baytril® sind von Rattenhalterseite
als Nebenwirkung bei s.c.-Injektionen eine Neigung zu Hautnekrosen (die
Injektionsstellen sind entzündlich verändert und es entstehen
schorfige oder wunde Stellen im Fell) beschrieben worden. Diese Wirkung
kann offenbar durch Verdünnung 1:1 mit NaCl 0,9% (physiologische
Kochsalzlösung) deutlich verringert werden. Mittlerweile gibt es
Baytril® auch zum oralen Verabreichen - bitte erkundigt Euch bei
Eurem Tierarzt.
Salben,
Cremes, Lotionen:
Werden meist von der Ratte wegen des Putztriebes schnell abgeleckt,
selbst, wenn sie nicht gut schmecken. Deswegen empfiehlt es sich, die
Ratte eine Zeitlang nach der "Einreibung" in der Hand/ am
Körper zu behalten, um die Salben wirken zu lassen. Ein "Viktorianischer
Kragen" sollte möglichst nur zeitweise angelegt werden, da
die Nahrungsaufnahme (das Futter zwischen den Händen zum Maul zu
führen) durch den Kragen stark behindert ist.
Waschungen:
Sollte man in lauwarmen bis körperwarmen Wasser durchführen.
Statt die Ratte zu "tunken" - was für das Tier meist
sehr beängstigend ist - kann man sie auch von oben sanft "begießen",
bis sie gut durchgenäßt ist. Je nach Medikament wird danach
klargespült oder nicht, Packungsbeilage oder Anweisungen beachten!
Danach kommt sie abfrottiert in einen gut vorgeheizten Raum ohne Zugluft,
in dem sie weitertrocknen kann. Ein sanfter Föhn kann die Sache
beschleunigen. Stellt Euch dabei aber bitte vor, wie IHR Euch fühlen
würdet, wenn Ihr pitschenaß seid und in Nase, Augen, Ohren,
Fell dann mit einem sehr warmen, sehr starken Sturm zu kämpfen
hättet.
Euer Dr. Ratte
|