|
Hochansteckend
und chronisch:
Atemwegsinfektion
durch Mykoplasmen
Wenn
Ratten mit Symptomen an der Lunge erkranken, so sind es zumeist Infektionen.
Herzschwäche ("Wasser in der Lunge") und allergisch bedingtes
Asthma bronchiale sind eher selten.
Der Keim, der Rattenhaltern möglichst gut bekannt sein sollte,
weil er wahrscheinlich mitbeteiligt an den meisten Infektionsgeschehen
der Atemwege ist, ist Mycoplasma pulmonis. Dieser Keim verursacht bei
Ratten meist eine Entzündung des Lungengewebes und der Luftwege,
weiterhin kann er für Infektionen des harnableitenden Systems (Nieren,
Harnleiter, Blase, Harnröhre) und dem Genitalsystem verantwortlich
sein. Man trifft ihn aber auch bei Mittelohrentzündungen oder bei
bakteriell bedingten Gleichgewichtsstörungen an.
Übertragungswege
Der Erreger wird durch Tröpfcheninfektion (durch die Luft) oder
durch direkten Kontakt übertragen. Eine indirekte Ansteckung im
Sinne einer Schmierinfektion mittels Händen, Wäsche oder kontaminierten
Gegenständen ist bislang nicht beschrieben worden. In einem befallenen
Bestand geschieht die Infektion schon häufig sehr früh durch
die Übertragung des Keims vom Muttertier auf die Jungen. Doch auch
ältere Tiere, die z.B. neu zu einem bereits infizierten Bestand
gesetzt werden, infizieren sich mit dem Keim. Leider läßt
sich der Keim im infizierten Tier nur äußerst selten gänzlich
vernichten, die Infektion wird chronisch.
Erregernachweis
Der Nachweis von Mykoplasmen ist sehr schwierig, man braucht dazu ein
spezielles Nährmedium, in dem sie überleben können. Proben
können aus dem hinteren Nasenraum, der Luftröhre, dem Mittelohr
und der Gebärmutter entnommen werden. Leider eignen sich alle genannten
Entnahmeorte nicht dafür, dies beim lebenden Tier zu tun - einzig
eine Keimbestimmung aus der Gebärmutter ist möglich, wenn
das Tier kastriert wird und ein Abstrich aus dem herausoperierten Uterus
entnommen wird.
Zur Prüfung, ob sich in einer Rattengruppe Mykoplasmen eingenistet
haben, ist es also zumeist notwendig, ein gerade eingeschläfertes
Tier zu sezieren und hierbei Abstriche von den möglichen Orten
zu entnehmen. Für das verstorbene Tier selbst hat dies keine weiteren
Konsequenzen mehr, jedoch ist die gewonnene Information für die
anderen Tiere dieser Käfiggemeinschaft von großem Nutzen.
Es gibt prinzipiell auch noch die Möglichkeit, anhand einer Blutprobe
zu testen, ob das Tier Abwehrstoffe (Antikörper) gegen Mykoplasmen
gebildet hat - es sind jedoch nur die großen Kliniken, die diese
Untersuchung - wenn überhaupt - durchführen könnten.
Verlauf der Infektion
Es kommen offenbar Infektionen ohne die geringesten Symptome vor - (eventuell
ist dies sogar der übliche Ablauf). Genaueres kann man nicht sagen,
da hier keine Daten vorliegen - im Labortierbereich hat man hygienischere
Bedingungen als bei der Heimtierrattenhaltung und die Möglichkeit,
eine einmal ausgebrochene Infektion in einer Gruppe von Tieren durch
das komplette Auswechseln aller Tiere auszumerzen. Dies ist für
einen Heimtierhalter leider nur selten ein gangbarer Weg.
Normalerweise
verläuft eine Mykoplasmen-Infektion chronisch, zuerst langsam und
mit nur leichten Symptomen, dann über die Monate stetig schlimmer
werdend Erste Symptome sind häufiges Niesen, Geräusche beim
Atmen und rötliches Sekret aus Nase und Augen (KEIN Blut, siehe
RG 21). Das Tier erscheint bis auf weiteres recht gesund, hat einen
guten Appetit und gesundes Fell, rosige Ohren usw. Aufgrund der ständig
weiterbestehenden Infektion verändert sich langsam das Lungengewebe.
Es kommt zur Aussackung der einzelnen Lungenbläschen (Emphysem)
und damit zu einer Verringerung der Oberfläche, an der ein Gasaustausch
stattfinden kann (siehe Bild). Langsam fängt die Ratte an, Luftnot
zu bekommen, erst nur dann, wenn sie sich stark belastet hat (Kletterpartien,
Verfolgungsjagden), so dass sie versucht, diese zu vermeiden. Das Tier
wird krankheitsbedingt ruhiger, schon jetzt beginnt es mit der Flankenatmung.
In diesem Stadium hat sich bereits die Form des Brustkorbes verändert:
Die oval-längliche Form (größte Länge Wirbelsäule
- Brustbein) verliert sich und ein faßförmiger, im Querschnitt
fast runder Brustkorb entsteht. Schließlich ist so viel Lungengewebe
für den Gasaustausch unbrauchbar geworden, dass das Tier selbst
in Ruhe nach Luft ringt. Mit weit geöffnetem Maul versucht es,
Luft zu schöpfen, dabei reckt es den Kopf möglichst weit vor.
Es kann, muß aber nicht unbedingt blaue Füße und Lippen
haben.
Genauso wie auch Menschen in dieser Notsituation versuchen betroffene
Tiere, an einen erhöhten Platz im Käfig zu gelangen, nicht
eingesperrt zu sein oder kühle, frische Luft des offenen Fensters
einzuatmen, auch wenn dies effektiv für eine bessere Sauerstoffversorgung
kaum etwas bewirkt - allein der psychologische Effekt ist hier ausschlaggebend.
Und hier unterscheiden sich Ratten weit weniger von den Menschen, als
manche es vielleicht glauben mögen.
Luftnot wird von den Menschen, die bereits darunter litten, als extrem
beängstigend und belastend beschrieben. Das Wort 'Todesangst' fällt
in diesem Zusammenhang sehr häufig. Daß bei einer solchen
Situation - auch wenn das Tier nicht dramatisch vor Schmerz schreit
oder panisch herumrennt, sondern lediglich ruhig daliegt und das Maul
beim Atmen aufreißt (für mehr fehlt ihm buchstäblich
die Luft) - nicht tatenlos zugesehen werden kann, ist selbstverständlich
- zusammen mit dem Tierarzt sollten stehenden Fußes die (in diesem
Falle äußerst schlechten) Perspektiven und Behandlungsmöglichkeiten
des Tieres überdacht und sicher auch ein Einschläfern erwogen
werden.
Verschiedene Stämme - verschiedene Verlaufsformen
Es gibt verschiedene Stämme von Mykoplasma pulmonis, die verschieden
aggressiv sind - und auch auf die diversen Antibiotika verschieden gut
ansprechen. Für den Verlauf dieser Infektion ist aber nicht nur
der Stamm, mit dem ein Tier infiziert ist, von Bedeutung, die individuelle
Abwehrlage des Tieres - zusammengesetzt aus ererbter Konstitution und
momentanem Gesundheitszustand - spielt ebenso eine Rolle wie äußere
Faktoren. Vermieden werden sollte deswegen Zigarettenrauch und Ammoniakdünste
aus sich zersetzendem Urin des Käfigs an den Klostellen aber auch
im Nistmaterial. Ammoniak wird gefördert durch schlechte Belüftung
z.B. bei Aquarien. Eine zu trockene (Heizungs-)Luft trägt zusätzlich
zu einer Verschlechterung der Situation bei. Die optimale Luftfeuchtigkeit
liegt für Ratten bei 60%. Die optimale Temperatur liegt bei 18-22°C,
also eher kühler als molligwarm. Ein Mangel an Vitamin A, C und
E verschlechtert ebenso die individuelle Infektionsabwehr.
Andere Keime haben es nun leichter
Wegen der bestehenden Grundinfektion ist das Immunsystem der Ratte unter
Dauerbelastung und deswegen weniger fähig, weitere Infektionen
abzuwehren. Deswegen haben es auch weitere Keime leichter, eine Infektion
auszulösen, hierzu gehören die Bakterien Bordetella bronchoseptica,
Pasteurella pneumotropica, CAR-Bazillus (Cilia-associated respiratory
Bacillus) die alle nicht infektiös für den Menschen sind wie
auch Streptokokkus pneumoniae (Pneumokokken), der der Erreger der menschlichen
Lobärpneumonie ist. Weiterhin können sich in der vorgeschädigten
Lunge auch Lungenabszesse entwickeln (z.B. Staphylokokkus aureus).
An
Viren, die Atemwegsinfektionen auslösen können, kommen das
Sendai-Virus (Schniefen, machmal verstopfte Nase) und das Sialodakryoadenitis-Virus
(auch Rat corona-Virus genannt) infrage. Es verursacht eine Schwellung
der Speichel- und Tränendrüsen mit triefenden Augen und Nase,
Schniefen, Verhärtungen unter dem Unterkiefer und leicht hervortretenden
Augen. Bei einer gesunden Ratte sind diese Infektionen gut überlebbar.
Bei einer durch die Mykoplasmeninfektion beeinträchtigten Ratte
können sie jedoch leicht fatal enden.
Zusätzliche Infektionen können jetzt die Lage dramatisch
verschlimmern
Bei einer plötzlichen Verschlimmerung der Symptomatik ist häufig
eine aufgepfropfte (sekundäre) akute Infektion im Spiel. Plötzliche
Appetitlosigkeit, Apathie, gesträubtes Fell, tränende Augen
und Nase oder eine plötzliche Verschlechterung der Atmung sind
Anzeichen hierfür.
Eine
schnelle Vorstellung des schwerkranken Tieres beim Tierarzt und eine
zügige Behandlung mit Antibiotika sowie unterstützende intensive
Krankenpflege (z.B. Flüssigkeits- und Wärmezufuhr) können
lebensrettend für das Tier sein.
|
Quellen:
Debbie Ducommun: Rat Health Care
Heizmann et al: Medizinische Mikrobiologie und Immunologie
Vielen Dank an Lucie von Arnim, Bielefeld; Anke Schneider, Gießen,
Eva Haiduk,
München
Die Autorin ist keine Veterinärmedizinerin. Dieser Text
wurde aufgrund besten Wissens geschrieben und soll zum besseren
Verständnis über die Ratte und ihre Gesundheit
beitragen. Er ersetzt keinen Tierarztbesuch. Die Autorin lehnt
es deswegen ab, für Behandlungen, die auf diesem Dokument
fußen, Verantwortung zu übernehmen, vielmehr
sollte frühzeitig ein Tierarzt aufgesucht werden.
Medizinisches Wissen befindet sich im Fluß. Deswegen können
Angaben, die heute in diesem Text gemacht werden, morgen veraltet
sein und bedürfen der Kontrolle auf
Richtigkeit durch den Praktizierenden.
|
|