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Ratten
unter Verschluß
Folgen
und Ursachen der versteckten Rattenliebe
Es
passiert häufiger als man sich vorstellt. Und ich denke, speziell
bei Ratten - Tierliebe unter Verschluß. Da sie klein sind und
einfach versteckt werden können. Und weil andere Familienmitglieder
sie ablehnen könnten. Doch können solche Haltungsmethoden
- oder besser gesagt Aufbewahrungsmethoden - das Verhalten und die Entwicklung
prägen.
Ich selbst habe zwei Weibchen, die in einer Schreibtischschublade gehalten
wurden. Versteckt von einem Mädchen, aus Angst, die Tiere nicht
behalten zu dürfen. Und sie sollte recht behalten - als der Vater
mitbekam, was sie da versteckt hält, kamen die beiden Rattenweibchen
sofort weg. Und dabei haben die Ratten noch Glück gehabt - sie
hätten genausogut getötet oder ausgesetzt werden können.
Doch so sind sie nach kurzem Zwischenstop im Tierheim bei uns untergekommen.
Den
beiden Rattenweibchen, die damals ca. drei Monate alt waren, merkt man
ihre Vergangenheit deutlich an. Sie sind sehr kleinwüchsig geblieben,
wohl da sie in ihrer Kindheit kaum Licht zu sehen bekamen. Beide sind
schreckhaft im Verhalten. Bei der Ängstlichereren dauerte es ein
halbes Jahr, bis sie aufhörte zu schreien, wenn man nach ihr griff.
Der ganze Körper wehrte sich dabei, sie krallte panisch und verkratzte
uns damit völlig die Hände. Beim abendlichen Freilauf traute
sie sich auch nicht auf den Boden. Lieber versteckte sie sich hinter
den Sofakissen, während der Rest der Gruppe das Wohnzimmer erkundete.
Ich
dachte schon, ihr Verhalten würde sich nie ändern. Deshalb
freue ich mich umso mehr, dass sie heute nicht mehr bei jeder Berührung
aufquikt, mit den anderen auf dem Boden herumtollt und anscheinend Vertrauen
gefaßt hat. Aber fremde Dinge und unbekannte Orte versetzen sie
immer wieder in Panik.
Wir hatten auch zwei Weibchen, die zuvor mit ihrem Nachwuchs in einer
Kiste gehalten wurden, ohne Luft um die Nase und abgeschnitten von ihrer
Umwelt. Als wir sie bei uns aufnahmen, haben wir sofort den Deckel von
der Kiste entfernt und darauf ein Käfigoberteil mit Etagen gesetzt.
So hatten die beiden noch etwas vertrautes und doch eine deutliche Verbesserung
ihrer Unterbringung. Die beiden hingen fortan nur noch auf der obersten
Etage, fasziniert von allem, was es um sie herum zu erschnüffeln
und zu sehen gab. Auch diese beiden sind immer kleinwüchsig geblieben
und sahen als alte Damen noch aus, als seien sie gerade erst ein halbes
Jahr alt.
Weiter kenne ich einen kleinwüchsigen Rattenbock, der in einem
Internat wochenlang in einem Tresor versteckt gehalten wurde, da das
der einzige Ort war, wo man persönliche Gegenstände
unterbringen konnte. Als dies eine Freundin von mir erfuhr, bat sie
eindringlich die Mutter des Mädchens, diese Tresorhaltung zu beenden
und ihr den Rattenmann zu überlassen. Es flossen Tränen, aber
das Mädchen sah letztendlich ein, dass dies das Beste für
ihren kleinen Ratterich ist (sie durfte ihn aber in seinem neuen Zuhause
besuchen und bekam viele Informationen, wie man Ratten hält, welche
Bedürfnisse die Tiere haben usw.). Heute lebt der Kleine in einer
Rattengruppe, hat aber soziale Probleme zurückbehalten. Anderen
Ratten gegenüber ist er ängstlich und unsicher. Durch seine
Abwehrhaltung und das Schreien provoziert er förmlich, von den
anderen verprügelt zu werden. Dennoch funktioniert im Großen
und Ganzen das Zusammenleben mit anderen Ratten gut, obwohl er ein halbes
Jahr ohne soziale Kontakte zu Artgenossen leben mußte.
Mögliche
Ursachen
Einerseits ist eine Spur Egoismus oder auch Gedankenlosigkeit dabei,
wenn Kinder und Jugendliche Ratten unter Verschluß halten - aber
ganz gewiß auch eine gehörige Portion Angst und Verzweiflung,
die Tierhaltung von Eltern und Angehörigen verboten zu bekommen.
Versteckte Rattenhaltung kommt immer häufiger vor, da immer mehr
Ratten als Haustiere gehalten werden, wie auch unsere Notfallvermittlung
im VdRD e.V. zu spüren bekommt.
Mitschuld an dieser Entwicklung ist meiner Meinung nach auch ein großer
Futtermittelhersteller, der bei seiner Rattenfutter-Kampagne nicht auf
Verantwortung für das Tier und artgerechte Haltung setzt, sondern
auf den rattengeilen Megakick und die Zielgruppe "kids"
anspricht. "Das Tier das alles mitmacht" verspricht die Werbekampagne,
Snacks für immer und überall, "rattengeil" - das
Tier als "Gebrauchsartikel", das man mitschleppen kann, oder
wenn man es gerade nicht braucht, so lange wegräumt. So lernen
Kinder und Jugendliche natürlich nicht den verantwortungsvollen
Umgang mit Lebewesen.
Wir haben deshalb schon mehrfach an den Futtermittelhersteller geschrieben
und ihnen mitgeteilt, dass wir ihren Werbeauftritt für kritisch
befinden (und zudem stimmt die Kern-Zielgruppe "kids" ohnehin
nicht, wie unsere Umfrage unter Rattenhaltern 1997 ergab - vgl. RG27,
S.10). Aber letztendlich erteilte uns der Futtermittelhersteller eine
freundliche Abfuhr. Er empfindet seine trendige Verpackungsgestaltung
als "sympathisch" und bezeichnt sein Produkt-Sortiment für
Ratten als Erfolg auf der ganzen Linie. Diese Firma will halt verkaufen,
und das klappt laut Werbeagentur besser mit greller Verpackung und dem
tierischen Fun, als mit der Veranwortung für das Tier.
Und so wird der Trend der heimlichen Rattenliebe immer weiter zunehmen.
Da können wir als Rattenliebhaber nur versuchen, mit Hilfe der
Medien über die Bedürfnisse von Ratten aufzuklären, um
so dem größten Tierelend entgegenzuwirken.
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