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Dr. Ratte: Gleichgewichtsstörungen Schiefer
Kopf, die Ratte taumelt - Ursachen? Plötzlich
fängt es an: Eines Morgens hält die Ratte, die ein paar Monate
jung oder auch schon Jahre alt sein kann, den Kopf schief und taumelt
stark. Sie verschätzt sich beim Greifen nach den Gitterstäben,
das Klettern fällt schwer, sie kann nicht mehr gut geradeauslaufen
und wenn es ganz schlimm kommt, kann sie sogar nicht mal mehr sich auf
die Hinterbeine setzen oder ihr Futter fassen. Was ist passiert? Als Ursache kommen hier neben Schlaganfällen (die aber meist noch andere Symptome wie Lähmungen der Beine einer Seite aufzeigen und bei Ratten eher selten vorkommen) vor allem Entzündungen in Betracht. Eine schlecht auskurierte Mittelohrentzündung kann aufs Innenohr, in dem die Bogengänge liegen, die die räumliche Orientierung ermöglichen, übergreifen. Ein schlechter Zahn kann eine aufsteigene Entzündung verursacht haben; vieles ist möglich und auch bei bester Untersuchung nicht immer ein Grund für die Schädigung erkennbar. Was ist zu tun? Die Störung des Gleichgewichts ist eine Nervenstörung, und bei Erkrankungen der Nerven kommt es stark auf die Zeit an, die der betreffende Nerv inzwischen schon 'gelitten' hat. Schnell ist die Schädigung eingetreten, und je schneller die Behandlung einsetzt, desto größer ist die Chance, dass sich nach überstandener Krankheit die Gleichgewichtsstörung noch vermindert hat. Also nichts wie hin zum nächsten Tierarzt! Dieser wird nach möglichen Quellen einer Infektion schauen und sie gegebenenfalls sanieren und der Ratte ein Antibiotikum geben, das auch in das Gehirn gelangen kann, um dort die Bakterien zu bekämpfen. Weiterhin ist - je nach Patient und Dauer der Gleichgewichtsstörung - eine Cortisonbehandlung möglich, denn Cortison vermindert die entzündliche Schwellung rund um die Infektion, und so kann der (mechanische) Druck auf den empfindlichen Nerv reduziert werden, der Nerv kann sich so eventuell besser regenerieren. Zur schnelleren Regeneration und dem Schutz der noch intakten Nervenbahnen können hohe Vitamin B-Dosen gegeben werden, denn besonders Vitamin B12 ist ein 'Nervenschutzvitamin'. Leider kann gerade dieses Medikament in ausreichender Dosierung nur injiziert werden und brennt zudem noch unangenehm unter der Haut ? aber da es sinnvoll ist, es dem Tier zukommen zu lassen, sollte man ein paar Tage lang schon die Injektionen durchführen lassen. Jedoch ist in fast allen Fällen bereits eine Schädigung eingetreten, die man durch den beherzten Gang zum Tierarzt lediglich am Schlimmerwerden gehindert hat, selten zeigen sich leider noch großartige Verbesserungen des Gleichgewichtssinnes. Jetzt ein Hinweis, der sehr, sehr wichtig ist: Wenn eine Mittelohrentzündung als Grund für die Gleichgewichtsstörung vorgelegen hat, dann kann es sein, dass das Trommelfell perforiert ist und der Eiter, der sich im Mittelohr gesammelt hat, sich hier einen Weg nach außen bahnt. In diesem Fall sollte mit einem sauberen Papiertaschentuch der an der Ohrmuschel und am Haaransatz befindliche Eiter abgeputzt werden - MEHR NICHT! Keinesfalls sollte man das Ohr spülen, keinesfalls sollte das Tier mit dem kaputten Trommelfell noch irgendwann in seinem weiteren Leben gebadet oder geduscht werden oder mit seinem Kopf unter Wasser geraten. Denn hier kann das Wasser ungehindert durch den Gehörgang ins Mittelohr bis direkt vor das Innenohr laufen und das kann fatale Folgen haben, und damit ist nicht nur das Einschleppen von weiteren Keimen in das Mittelohr gemeint! Leider kann man nach abgeschlossener Behandlung nicht in die Köpfe unserer kleinen 'Drehmäuse' hineingucken. Wenn die Infektion überstanden ist, kann das Tier trotz seiner Gleichgewichtsstörung uralt werden und im Kreise der lieben Käfiggenossen irgendwann friedlich von dannen scheiden. Hin und wieder kommt es aber auch vor, dass die Infektion wieder aufbricht und das Tier einen Rückfall erleidet ? dann beginnt die Prozedur von vorne... Leider. Solche 'Drehmäuse' lernen zwar im Laufe ihres weiteren Lebens, trotz ihrer Behinderung weiterhin Regale hochzuklettern, fatal jedoch ist, dass sie der Gleichgewichtssinn häufig in einem verflixt ungünstigen Moment mal wieder im Stich läßt, im Falle des Regals wäre das nicht das erste Brett kurzt vor dem Fußboden, sondern das letzte Brett vor der Zimmerdecke. Diesem sollte man Rechnung tragen, indem man ihnen solche Klettermöglichkeiten verbaut oder aber der Sturz vom Sofa durch eine dicke Lage weicher Kissen aufgefangen werden kann. Auch den Käfig sollte man dementsprechend umbauen. So ist es sinnvoll, die Etagen im Käfig überlappen zu lassen, so dass maximal ein Sturz aus 20 cm Höhe möglich ist - ein Sturz aus 60 oder 80 cm Käfighöhe kann sonst schnell ? und für den Besitzer sehr unerwartet! - den Tod für das Tier bedeuten. Zuletzt möchte ich noch auf die unglücklichen Fälle eingehen, in denen das Tier zwar die akute Erkrankung mehr oder weniger überlebt hat, jedoch die Behinderung so groß ist, dass das Tier weder zu einer eigenständigen Nahrungsaufnahme noch zu einer selbstständigen Körperpflege in der Lage ist und nur hilflos im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Käfigboden herumkugelt. Überlegt
Euch in einem so traurigen Falle bitte sehr genau, ob ihr dem Tier (das
rein theoretisch bei einer Erkrankung im frühen Lebensalter noch
Monate und Jahre leben könnte) ein solches Leben zumuten wollt.
Dies ist eine nicht immer leichte Entscheidung, die aber letztendlich
Ihr selbst fällen müßt - zugunsten des Wohls des Tieres.
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