Rattenzähne
Anatomie
Oben
und unten besitzt die Ratte jeweils einen Schneidezahn (Incisivus) und drei
Backenzähne (Molare) auf jeder Seite.
Den großen Zwischenraum zwischen Schneide- und Backenzähnen bezeichnet
man als Diastema.
Die meisten Säugetiere besitzen auf jeder Seite drei Schneidezähne,
einen Eckzahn (Caninus), der bei der Ratte fehlt, sowie eine unterschiedliche
Anzahl von vorderen (fehlen ebenfalls bei der Ratte) und hinteren Backenzähnen.
Die langen Nagezähne (Wurzelzähne) sind entgegen der normalen (menschlichen)
Schneidezähne im permanenten Wachstum, pro Monat ca. 1 cm. Sie besitzen
am Ende eine weit offenbleibende, pulpaerfüllte Zahnhöhle. In der
Pulpa befinden sich Blutgefäße und Nerven.
Der sichtbare Teil der oberen Nagezähne ist etwa 5 mm lang. Die unteren
sind ca. doppelt so lang. Etwa 2/3 bis 3/4 der gesamten Zahnlänge sind
allerdings im Kiefer versteckt.
Der vordere gelbliche Schmelz (Enamelum, eigentlicher Zahnschmelz) ist härter
als das hintere weiße Zahnbein (Dentin). Das führt dazu, dass die
unteren Nagezähne, die oberen ständig "anspitzen".
Die Backenzähne
(wurzellose Zähne) haben ein abgeschlossenes Wachstum. Sie sind in ein
Faltenmuster gelegt. Dies führt zu einer größeren Zahnoberfläche,
also mehr Platz zum Zermahlen der Nahrung.
Durch ihre den Nagern eigene Futteraufnahme braucht die Ratte nicht so viele
Zähne. Die Schneidezähne sind in die langen Nagezähne umfunktioniert,
die dafür sorgen, dass die Ratte selbst harte Futterteile kleinkriegt.
Außerdem lassen sie sich hervorragend zum Wohnungs-/Nestbau (Löchernagen)
und zur Abwehr von Feinden einsetzen.
Die Backenzähne übernehmen dann nur noch die Zerkleinerungsarbeit.
Die obere Lippe stülpt sich nach den Schneidezähnen wie eine Wand
in die Mundhöhle ein. Dies ist für die Ratte, wie auch für andere
Nagetiere, sehr nützlich, da dadurch beim Benagen von Holz oder Erde keine
unverdaulichen Bestandteile in die Mundhöhle gelangen können.
Dieser Vorteil für die Ratte ist ein Nachteil für den Tierbesitzer,
da er ohne Hilfsmittel keinen Blick auf die Backenzähne erhalten kann.
Der Unterkiefer der Ratte ist interessanterweise nicht fest zusammengewachsen.
Man kann sagen, dass an der Stelle, an der die beiden Unterkieferhälften
zusammentreffen, eine Art Gelenk vorhanden ist. Die beiden Hälften werden
nur durch straffe bindegewebige Strukturen zusammengehalten. Daher sind die
unteren Schneidezähne leicht gegeneinander beweglich. Die Ratte kann die
Bewegung der unteren Schneidezähne durch einen Teil der Fasern des Kieferzungenbeinmuskels
(Musculus mylohyoideus) und dem queren Kiefermuskel (Musculus transversus mandibularis,
fehlt dem Menschen) koordinieren. Die Zähne können wie eine Schere
auseinandergespreizt werden.
Zur Funktion lässt sich Folgendes sagen: Die unteren Schneidezähne
werden als die eigentlichen Nagewerkzeuge verwendet, da sie wesentlich spitzer
sind. Die Pfoten drücken den zu benagenden Gegenstand gegen die oberen
Schneidezähne. Dieses Gegenlager ist z.B. beim Öffnen einer Nuss wichtig.
Durch die beweglichen unteren Zähne kann die Nuss sehr gut aufgehebelt
werden.
Um einen solchen Nageapparat ausdauernd zu bewegen, ist eine sehr ausgeprägte
Kaumuskulatur (Musculus massetericus) nötig. Die Nageleistung kann man
erahnen, wenn man selber nur mit seinen Schneidezähnen lange an einer Tafel
Blockschokolade nagt. Da spürt man schnell in der Kaumuskulatur, dass die
menschliche nicht für das Nagen ausgelegt wurde.
Abnutzung der Zähne
Die
Zähne schleifen sich hauptsächlich gegeneinander ab. Das Knirschen
dient auch dazu. Holz, hartes Brot usw. sind zu weich, um den Zahn abzunutzen.
Die TiHo Hannover hat herausgefunden, dass sich die Zähne am besten bei
Apfelbrei abnutzen, weil sich bei der Aufnahme die Zähne auch noch gegenseitig
berühren und so gegenseitig anschleifen. Die Tiere haben allerdings von
sich aus einen Nagetrieb, den es bei artgerechter Haltung zu befriedigen gilt.
Krankheiten der Zähne
Zahnbruch:
Durch traumatische Einwirkungen (z.B. Sturz) kann es passieren, dass ein oder
mehrere Schneidezähne abbrechen. Dies ist nicht weiter schlimm, da die
Zähne ja permanent nachwachsen. Man wird allerdings etwas Geduld haben
müssen, bis die Zähne wieder so lang sind, wie vorher.
Bei abgebrochenen Zähnen ist es wichtig, die entgegengesetzten Zähne
regelmäßig zu kürzen, da sie sich momentan am Gegenstück
nicht abreiben können. Dies lässt man sich am besten von einem Tierarzt
zeigen.
Kürzt man den entgegengesetzten Zahn nicht regelmäßig, so kann
es zu einem bogenförmigen Wachstum, oder schlimmer noch, zu einem Einbohren
in die Mundschleimhaut führen.
Bei dieser Erkrankung ist es auf jeden Fall wichtig zu beobachten, ob die Ratte
das ihr angebotene Futter aufnehmen kann. Erforderlichenfalls muss für
die Zeit der Genesung auf Breifütterung umgestellt werden.
Abnormales
Zahnwachstum
Die Zähne wachsen in eine falsche Richtung, ohne dass der entgegengesetzte
Zahn fehlt.
Dies kann auf eine angeborene Zahnfehlstellung zurückzuführen sein.
Hier muss dann meist lebenslänglich gekürzt werden. Manchmal verirrt
sich auch nur mal ein Zahn in die falsche Richtung, dies kann wie beim Zahnbruch
traumatische Ursachen haben. Dies ist meist mit ein bis zwei Korrekturen zu
beheben, es kann aber unter Umständen auch lebenslang eine falsche Wuchsrichtung
erhalten bleiben.
Auch hier gilt: Bei Problemen mit der Futteraufnahme ist auf Breifütterung
umzustellen.
Abnormales
Wachstum der Backenzähne
Im Gegensatz zu Meerschweinchen und Kaninchen wachsen die Backenzähen bei
Ratten nicht permanent nach. Trotzdem kann es zu einem krankhaften "Wachsen"
kommen: Es kann passieren, dass die Backenzähne ihren Gegenpart durch Karies
oder Entzündung verlieren, dann schiebt sich der Backenzahn weiter aus
seiner Höhle. Es kann so bis zum Ausfall des Zahnes kommen. Dies kann ebenfalls
passieren, wenn die Schneidezähne zu lang werden und sich der Kiefer nicht
mehr richtig schließen kann.
Entzündungen
Wie bei allen Spezies gibt es auch bei der Ratte Zahnfleischentzündungen.
Diese äußern sich durch Freßunlust. Das Zahnfleisch ist dabei
gerötet. Der Tierarzt muss entscheiden, ob nur lokale Desinfektion, oder
aber auch die Gabe eines Antibiotikums erforderlich sind.
Entzündungen von Backenzähnen können auch zu einer Entzündung
der Zahnanlage der Schneidezähne führen (zur Erinnerung: der Großteil
der Schneidezähne liegt im Knochen verborgen, und somit sehr nah an den
Backenzähnen). Es kommt zu Schädigung der entsprechenden Zellen, der
Zahn kann ausfallen. Im Extremfall ist die Anlage soweit geschädigt, dass
der Zahn nicht mehr nachwächst.
Karies
Auch bei der Ratte ist Karies möglich. Dies kann sich bis zu einer Wurzelentzündung
weiterentwickeln. Folge davon könnte ein Kieferabszess sein. Die Begleitsymptome
können Entzündungen und Zahnverlust sein.
Prophylaktisch sollte es vermieden werden, die Ratte mit Süßigkeiten
zu "füttern". Ein gesunder Leckerbissen, wie z.B. Möhren
, wird auch gern genommen.
Es ist auf jeden Fall ratsam, in allen Fällen von:
den Tierarzt hinzuzuziehen. Nur er hat die speziellen Instrument, um oben genannte Krankheiten zu diagnostizieren.