Die
Gene
schuld am frühen Rattentod?
Als ich im GEO
(Nr. 12/Dez 1999) einen Artikel zur Alterns-Forschung "Man lebt nur zweimal"
(von Uta Henschel) las, fand ich dort eine (mögliche) Erklärung, warum
unsere Ratten kaum älter als zwei bis drei Jahre werden.
Es gibt eine Vielzahl von Theorien über das Wie und Warum des Alterns bei
Mensch und Tier. Eine besonders interessante vertritt Tom Kirkwood, Professor
für Bio-Gerontologie an der Universität Manchester. Er fragte sich,
warum eine Körperzelle bei der Teilung entstehende Fehler nicht beseitigt,
obwohl sie dies durchaus könnte? Warum wird nicht zusätzliche Energie,
die man durch die Nahrungsaufnahme bereitstellt, aufgebracht, um Alter, Verfall
und Tod der Zelle - und damit des Körpers - zu vermeiden? Warum bevorzugt
der körpereigene "Reparaturdienst" beim Ausbessern von Schäden
die Keimzellen (zur Fortpflanzung) und vernachlässigt die Körperzellen?
Seine Antwort ist ebenso einfach wie verblüffend: Die Gene haben ein anderes
"Interesse" daran ein Lebewesen "in Schuss" zu halten, als
das Lebewesen selber.
Der Körper ist vergänglich und dient nur als Verpackung. Die Gene, die an die Nachkommen weitergegeben werden, sind aber praktisch unsterblich. Es wird also mehr Energie in die exakte Weitergabe des Erbmaterials gesteckt und weniger in die "Wartung" des Körpers. Theoretisch wäre es nämlich möglich, dass die Gene jede Krankheit, jede Fehlfunktion, das Altern usw. eigenständig reparieren und ausmerzen! Sie reparieren aber Körperzellen nur in einem bestimmten Maß und bevorzugen es, die Energie in die Reproduktion zu stecken, um also die dafür unentbehrlichen Keimzellen optimal weitergeben zu können.
Man hat inzwischen festgestellt, dass Zellen nur eine begrenzte Zahl von Teilungen durchmachen und dann degenerieren. (Folge: Alter, Verfall, Tod) Bei jeder Zellteilung werden zwei bestimmte DNS-Abschnitte - Telomere genannt -, die am Ende jeden Chromosoms als Schutz sitzen, kürzer. Bei Erreichen des Minimums hört die Zelle auf sich zu teilen, altert und stirbt schließlich. Es gibt ein Gen, das Telomerase herstellt und damit die Zelle ewig jung halten könnte, aber dieses Gen ist gewöhnlich blockiert. Nur bei Keim- und leider auch bei Krebszellen ist dieses "Reparatur-Gen" immer aktiv.
Aber warum werden
nun Lebewesen unterschiedlich alt?
Tiere ohne effektive "Verteidigungs-waffen" (Gift, Stachel, Panzer,
...) haben eine geringere Lebenserwartung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass
sie früh als Beute im Magen eines Raubtieres enden, denn sie sind ja relativ
wehrlos. Aber auch harte Lebensbedingungen, wie Nahrungsengpässe, extreme
Witterungsbedingungen oder viele Fressfeinde im Lebensraum, lassen kaum Chancen
alt zu werden. Darauf hat sich auch der körpereigene "Wartungsdienst"
seit Jahrmillionen eingestellt: Es ist völlig sinnlos, die Körperzellen
mit hohem Energieaufwand zu reparieren, denn der Körper wird eh nicht alt,
das Ziel ist also, möglichst früh möglichst viel optimal ausgestatteten
Nachwuchs zu produzieren. Der Körper wird damit früh entbehrlich,
denn der Zweck ist ja erfüllt. Das Genmaterial ist weitergegeben, die Art
erhalten.
Alle Lebewesen,
die demnach früh und viel Nachwuchs haben, werden nicht alt, das ist so
in den Genen festgelegt. Man hat bei Versuchen an Mäusen nachgewiesen,
dass wenn man die Ausschüttung des Wachstumshormons durch Genmanipulation
drosselt, sich das Leben der kleinen Nager um 50 bis 75 Prozent verlängert.
Sie sind allerdings unfruchtbar.
Somit gibt es offensichtlich auch einen Zusammenhang zwischen der Reproduktionszeit
eines Lebewesens und seinem frühen Tod. Die meisten Tiere haben keine lange
Menopause. Sobald ein Weibchen keine Junge mehr gebären kann, geht es -
salopp ausgedrückt - schnell bergab. Bei Ratten bedeutet das, dass sie
eben kaum älter als zwei Jahre werden können, wenn ihre Reproduktionsphase
mit etwa 18 bis 20 Monaten zu Ende geht. Genetisch gesehen "bringen sie
dann einfach nichts mehr" (zur Arterhaltung), sie werden entbehrlich.
Noch ist nicht völlig geklärt, was sonst noch alles Einfluss auf das schnellere oder langsamere Altern hat. Im Gespräch sind, neben einer "Hand voll" Gene, bestimmte Hormone, jedoch auch zum Beispiel körperliche und geistige Beweglichkeit, Stress, die Nahrungsaufnahme (Versuche mit Mäusen und Ratten zeigten, dass Tiere, die nur 60 Prozent der Nahrungsmenge erhielten, zwar immer hungrig waren, aber um ein Drittel länger lebten) usw.
Einige dieser Faktoren können wir Rattenhalter also durchaus beeinflussen, indem wir unsere Ratten gut und richtig ernähren, Stress von ihnen fernhalten, sie durch eine anregende Umgebung geistig und körperlich fit halten, sie nicht zu früh und zu oft Nachwuchs haben lassen, ... den Rest allerdings kann wohl nur die Evolution besorgen. Irgendwann in vielen, vielen tausend Generationen "lernen" die Gene vielleicht, dass ein lang lebender, gesunder Körper auch Vorteile haben kann.