Angeboren oder erlernt

Was Biobücher dazu sagen

1. Angeborenes Verhalten

Angeborene Verhaltensweisen sind in den Genen festgelegt und müssen nicht erlernt werden. Dazu zählen in der Hauptsache Reflexe, Automatismen und Instinkthandlungen.

Reflexe und Automatismen
Reflexe sind einfache Reaktionen auf einen Reiz (Auslöser), die immer auf die gleiche Art und Weise ablaufen. Zu den Reflexen gehören so notwendige Dinge wie das Atmen, der Schluckreflex, der Husten- und Niesreflex sowie der Saugreflex der Rattenjungen. Reflexe sind vom Willen her nur begrenzt steuerbar. Viele Reflexe haben eine Schutzfunktion - z.B. bewahrt der Lidreflex, der unter anderem von schnell aufs Auge zu-kom-menden Gegenständen ausgelöst wird, das Auge vor Verletzungen.
Auch Automatismen, wie die Koordination der Beinbewegungen beim Laufen, sind angeboren. Sie müssen erst ausreifen, brauchen aber nicht gelernt zu werden.

Instinkthandlungen
Instinkthandlungen sind ebenfalls genetisch festgelegt. Sie sind, im Gegensatz zu Reflexen, relativ komplexe Verhaltensweisen, die sich aus mehreren angeborenen Handlungen zusammensetzen. Dazu gehören unter anderem: Nahrungssuche - Nahrungsaufnahme, Partnersuche - Begattung, Jungenaufzucht, Fluchtverhalten, Körperpflege und Ruheverhalten. Diese Verhaltensweisen können durch Lernanteile bereichert sein, aber im Prinzip laufen diese Handlungen in genetisch vorgegebener Art und Weise ab. Jede Tierart handelt nach dem genetischen Programm, das für sie spezifisch ist.
Ein Instinktverhalten wird, ebenso wie ein Reflex, ausgelöst durch einen Reiz. Allerdings muss ein Tier darüberhinaus auch bereit sein, das Verhalten auszuführen. Zur Fortpflanzung ist z.B. ein bestimmter Hormonspiegel nötig und zur Nahrungsaufnahme ein Hungergefühl bzw. "Appetit".
Die innere Bereitschaft, eine Handlung auszuführen, und die Stärke des dazu nötigen Reizes bedingen einander oft. Ein Beispiel:
a) Die innere Bereitschaft zu fressen ist hoch, das heißt, das Tier hat Hunger. Es genügt deshalb bereits ein schwacher Reiz für die Nahrungsaufnahme. Man sagt, hungrige Ratten gingen sogar an so "schwache Reize" wie Knabberstangen... Nach dem Fressen ist die innere Bereitschaft, weitere Nahrung aufzunehmen, natürlich gesunken.
b) Die innere Bereitschaft zu fressen ist gering, das heißt, das Tier ist satt. Es benötigt einen starken Reiz, um dennoch zu fressen - z.B. ein leckeres Joghurt-Drop. Die Bereitschaft, weiter zu fressen, sinkt natürlich auch in diesem Fall noch weiter ab.
Das Beispiel klingt relativ banal, aber viele Verhaltensweisen laufen - abstrakt gesehen - über solche Regelkreise ab.

Wie sich Gelerntes mit Instinkthandlungen vermischen kann, zeigt folgendes Beispiel: Bei Hitze reagieren Ratten normalerweise so, dass sie ihr Fell oder, wenn möglich, unbehaarte Stellen ihres Körpers lecken, um so Verdunstungskälte zu erzeugen. In Verhaltens-Versuchen konnte Ratten beigebracht werden, dass sie bei Drücken eines Hebels eine kleine Dusche bekamen, die sie ohne weitere Mühe abkühlte. Das nahmen die Ratten gerne in Anspruch. Ein Teil ihres angeborenen instinktiven Verhaltens wurde also durch Lernen verändert.

Leerlaufhandlung
Nicht immer muss zum Auslösen einer Verhaltensweise ein (vom Menschen bemerkbarer) Reiz vorhanden sein. Trotzdem läuft die Handlung - aufgrund einer hohen inneren Bereitschaft - ab. Das wird als Leerlaufhandlung bezeichnet. Zum Beispiel ist von wilden Wanderratten angeblich folgendes Verhalten bekannt: Fressen sie an einer üppigen Futterquelle, die sie nicht mit in ihren Bau nehmen können, graben sie sich in der Nähe des Futters Fluchtlöcher, in die sie bei Gefahr verschwinden. Dieses Fluchtverhalten zeigen sie aber regelmäßig auch ohne erkennbare Gefahr. Sie springen in ihre Löcher, prüfen die Umgebung und kommen wieder hervor.

Übersprungverhalten
Interessant ist auch das sogenannte Übersprungverhalten. Es tritt auf, wenn zwei Verhaltensweisen, zwischen denen sich das Tier nicht entscheiden kann, gleich stark sind und sich gegenseitig hemmen. Es führt dann eine dritte Verhaltensweise aus, die gar nichts mit seiner ursprünglichen Absicht zu tun hat. So kann es zum Beispiel sein, dass das Tier nicht entscheiden kann, ob es sich dem Menschen nähern oder lieber flüchten sollte. Flucht- und Annäherungs-Tendenz hemmen sich gegenseitig. Anstatt eine der beiden Handlungen auszuführen, beginnt es sich zu putzen oder es nimmt etwas zu fressen auf. Dieses Verhalten kommt relativ häufig in den verschiedensten Situationen vor.

Umorientierte Handlungen
Was jede/r Tierhalter/in sicher auch schon beobachtet hat, ist das sogenannte um-orientierte Verhalten. Davon spricht man, wenn ein Verhalten nicht am gewünschten Objekt vollzogen werden kann und auf ein anderes "umgeleitet" wird. Wird ein Tier von einem stärkeren am Fressen gehindert, kann es sein, dass das schwächere Tier seine Aggression zwar an dem starken Partner abreagieren möchte, aber das aufgrund seiner Schwäche nicht tun kann - es geht dann stattdessen auf einen Artgenossen los, der in der Rangordnung noch unter ihm steht - oder es beißt ins Käfiggitter (sozusagen ein "mit der Faust auf den Tisch und nicht auf den Gegner hauen").

2. Lernen

Lernen definiert man als beständige Verhaltensänderungen, die durch Erfahrung erworben wurden. Diese Änderungen werden im Zentralnervensystem gespeichert. Für das Überleben von Wildtieren ist Lernen von herausragender Bedeutung, da sie sich so viel besser an die Umwelt anpassen können als wenn sie nur nach angeborenen Mustern handeln würden.
Es gibt verschiedene Lernformen, deren Grenzen allerdings fließend sind. Allen gemeinsam ist im Prinzip, dass ein auslösender Reiz vorhanden und ein Tier bereit zum Lernen sein muss. Im folgenden ganz schematisch ein paar Beispiele.

Lernen durch Gewöhnung
Ein klassisches Beispiel für Lernen durch Gewöhnung ist folgendes: Setzt man ein Tier immer wieder einer Situation aus, in der es normalerweise fliehen würde (sich bewegende Greifvogelattrappe), und passiert ihm nie etwas dabei, so gewöhnt es sich mit der Zeit dran und die Fluchttendenz wird wesentlich geringer. Darunter würde ich auch das Handzahm-Machen eines scheuen Tieres durch ständiges in die Hand nehmen und wieder Absetzen verstehen.

Lernen durch Belohnung
Darunter kann man sich zum Beispiel das Erlernen von Tricks vorstellen. Wird ein bestimmtes Verhalten ("Männchen machen") durch Leckerchen belohnt, wird die Belohnung zukünftig mit dieser Verhaltensweise verknüpft. Will die Ratte ihr Leckerli, macht sie Männchen. Für diese Art des Lernens gibt es Versuche in den sogenannten "Skinner-Boxen". Das Prinzip ist folgendes: durch Drücken eines Hebels bekommt die Ratte Futter. Untersucht wird dann, ob die Tiere mit unterschiedlichen räumlichen Anordnungen der Hebel zurechtkommen oder ob sie lernen, dass Hebel in bestimmten Zeitabständen gedrückt werden müssen um die Belohnung zu bekommen, usw. Ein gefundenes Fressen für die Erfindungsgabe der Experimentatoren, aber sicher nicht für die Ratten...

Aber es gibt ja auch Schlimmeres:
Lernen durch schlechte Erfahrungen

3. Prägung

Auch Prägung zählt zum Lernverhalten. Bestimmte Verhaltensweisen sind nämlich nicht angeboren, sondern werden in bestimmten Zeiträumen, den sogenannten "sensiblen Perioden", in frühester Kindheit erlernt. Die Prägung ist ein äußerst schneller Lernvorgang. Am bekanntesten ist wohl das Beispiel der Nachfolgeprägung bei Gänseküken. Sie folgen der Mutter und sind stark an diese gebunden, sobald diese einen bestimmten Kontaktruf ausstößt. Diese Prägung kann (bei vielen Tierarten) nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es war im Tierversuch möglich, diese Nachfolgereaktion auf das erste Lebewesen (oder einen leblosen Gegenstand) zu übertragen, der den Kontaktruf von sich gibt. Die Küken laufen dann nicht mehr der Mutter nach, sondern z.B. dem Menschen.
Der biologische Sinn der Prägung ist vor allem der Zusammenhalt in der Gruppe, der die Jungen schützt und ihnen die Möglichkeit gibt, wichtige Verhaltensweisen von der Mutter zu lernen, die sie fürs Zurechtkommen in der Umwelt benötigen.
Bei Ratten liegt die sensible Periode für die Nachfolgeprägung angeblich in den ersten drei Lebenstagen. Man hat ja sicher kein Interesse daran, eine Ratte, oder ein anderes Haustier, dahin zu bringen, dass es lieber mit Menschen als mit seinen Artgenossen zusammen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass in der Zeit, in der die Jungen sich offensichtlich ihre zukünftigen "Kontakt-Lebewesen" besonders gut und schnell einprägen, auch Grundsteine für das zukünftige Verhältnis Mensch-Tier gelegt werden können.

Quellen:
· Danzer A., Verhalten, Stuttgart: Metzler, Studienreihe Biologie Band 5
· Czihak (Hrsg.), Biologie, Berlin; Heidelberg; New York: Springer
· Barnett S.A., The Rat: A Study in behavior, Chicago: University Press



Autor: Eva Haiduk