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Sehstörungen
bei albinotischen Ratten
und
bei Ratten mit hellen Augenfarben.
Im
RattGeber 36 wurde darüber berichtet, wie sich zu hohe Lichtintensitäten
bei Ratten - auch bei normaläugigen Tieren auf die Netzhaut auswirken
können.
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Als
Ergänzung und Nachtrag geht es heute detailliert um die Probleme
albinotischer Tiere und die Unterschiede zu anderen hellen Augenfarben.
Man
weiß sehr viel über den rattigen Albinismus, da man herausgefunden
hat, dass sich rattiger und menschlicher Albinismus sehr ähnlich
sind. Bevorzugt werden demzufolge Ratten zu Studien über menschlichen
Albinismus herangezogen.
Augenfarbe:
Die Augenfarbe wird bestimmt durch die Menge des in die Iris
eingelagerten Pigments, je mehr Pigment dort eingelagert wird,
desto dunkler erscheinen die Augen: Hellrot, dunkelrot, oder im
Normalfall: Dunkelbraun.
Die
"roten Augen" der albinotischen Tiere sind eigentlich nicht rot,
sondern erscheinen nur so, weil die Iris völlig pigmentfrei ist
und die in der Aderhaut befindlichen Blutgefäße das Licht rot
reflektieren. Man kann dies selbst an seinen Albinos beobachten,
indem man ihnen tief in die Augen schaut: Als kleiner, kaum wahrzunehmender
Kringel kann man bei gutem Licht den inneren Rand der durchsichtigen
Iris erkennen.
Die
Iris hat im Auge dieselbe Funktion wie die Blende eines Fotoapparates:
Je heller es ist, desto kleiner wird die Pupille, desto schärfer
wird das Bild auf der Netzhaut abgebildet. Wenn beim Albinismus
ungehindert Licht neben der Pupille in das Auge eindringt, wird
das Bild unschärfer, verwaschen. Dieses Streulicht beeinträchtigt
je nach noch vorhandener Pigmentierung auch hell- und dunkelrotäugige
Tiere.
Aber
es gibt noch andere Einschränkungen, gegen die sich das Streulichtproblem
geradezu harmlos ausnimmt:
Bei albinotischen Ratten liegt nicht nur ein totaler Mangel an
Melanin, dem ‚braunen Farbstoff' unseres Körpers vor, sondern
auch ein relativer Mangel an Dopamin (ein Nerven-Botenstoff).
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| Das
Licht gelangt durch die Hornhaut (Cornea) (1), wo es
bereits leicht gebrochen wird, in die vordere Augenkammer
(2). Die Regenbogenhaut (Iris) (3) reguliert die Menge
in den Augapfel eindringenden Lichtes, das dann durch das
verbleibende Sehloch (Pupille) (4) auf die Linse
(Lens) (5) trifft. Diese bricht den Lichtstrahl weiter,
der nun durch den Glaskörper (Corpus vitreum)(6) auf
die Netzhaut (Cornea) (7) gelangt. Unter der Netzhaut
liegt die Aderhaut (Choroidea)(8), in der die Blutgefäße
verlaufen, die derbe Lederhaut (Sklera) (9) schließt
den Augapfel ab und schützt ihn vor mechanischen Einflüssen.
Die Netzhaut hat zwei besondere Areale: Am Blinden Fleck
(10) tritt der Sehnerv (11) durch die Wand des Augapfels,
am Gelben Fleck (Makula, Fovea centralis) (12) befindet
sich die größte Dichte an Sehzellen, deswegen kann hier am
schärfsten gesehen werden. Das Licht gelangt durch zwei Schichten
von Nervenzellen auf die eigentlichen Sehzellen (Photorezeptoren)
(13), die Stäbchen (14) für das Schwarz-weiß-Sehen
und Zäpfchen (15) für das Farbensehen und wird hier
in elektrische Impulse umgewandelt. |
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Dieser
Botenstoff regelt schon vor der Geburt die Entwicklung des Auges:
Normalerweise liegt in den äußeren Netzhautanteilen die Dichte
an Sehzellen bei ca. 10% dessen, was im Punkt des schärfsten Sehens,
der Makula (gelber Fleck), vorhanden ist. Mit Hilfe der beiden
Stoffe Melanin und Dopamin verdichtet sich in der vorgeburtlichen
Entwicklung die Sehzellendichte im Gelben Fleck. Fehlen diese
Botenstoffe, bleibt die "Makula" unverdichtet. Der Seheindruck
im eigentlichen Punkt des schärfsten Sehens liegt also nur bei
10% dessen, was normaläugige Ratten wahrnehmen.
Anders
herum gesprochen: So schlecht, wie normaläugige Ratten in ihrem
äußeren Gesichtsfeld Dinge wahrnehmen, so schlecht sehen die albinotischen
Tiere im eigentlichen Punkt ihres schärfsten Sehens!
Sehbahn:
Weiter beeinträchtigt wird das Sehen der albinotischen Tiere dadurch,
dass auch die Sehbahn, also die Nervenverbindung vom Auge bis
zur Sehrinde (der Teil des Hirns, in dem die optischen Eindrücke
verarbeitet werden) nicht regelrecht ausgebildet ist. An der Sehnervenkreuzung
(Chiasma opticum) werden die Nerven nicht richtig ‚verschaltet':
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| Die
elektrischen Impulse werden durch den Sehnerv (11) über die
Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum) (16) weiter in
das Gehirn geleitet. In der Sehnervenkreuzung wird ein Teil
der Sehnervenfasern gekreuzt, während ein anderer Teil ungekreuzt
weitergeführt wird, so dass schließlich alle Signale der Sehnerven,
die einen Teil des linken Gesichtsfeldes beschreiben,
in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet werden. |
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Normalerweise
sollte in der linken Sehrinde die Sinneseindrücke beider Augen von der
rechten Hälfte des Gesichtsfeldes landen. Bei Albinos aber landen in
der linken Sehrinde überwiegend die Sinneseindrücke beider Gesichtsfeldhälften
des rechten Auges. Ein räumliches Sehen ist somit unmöglich (Siehe Zeichnung).
Ratten
mit hell- und dunkelroten Augen:
Es existieren meines Wissens nach keine Forschungen zu Tieren mit hell-
oder dunkelroten Augen. Jedoch kann man trotzdem einige Aussagen hierzu
machen ohne sich auf Spekulationen verlegen zu müssen:
Beeinträchtigung
durch Streulicht: Wenn die Iris lichtdurchlässig ist, ist logischerweise
die Sehschärfe durch Streulichteinfall ebenfalls reduziert.
Ob die
Makula und die Sehbahn regelrecht angelegt sind, kann ohne weitere Untersuchungen
nicht beurteilt werden. Aber wir Rattenhalter haben es in der Hand,
dieses Rätsel zu lösen: Man kann bereits schon unter einem Lichtmikroskop
erkennen, ob die Sehzellendichte in der Makula verringert ist oder nicht.
Also braucht man lediglich die Augen von ca. 20-50 helläugigen, aber
nicht albinotischen Tiere zu untersuchen, um eine wissenschaftlich fundierte
Aussage hierüber zu erhalten.
Da es reicht,
wenn die Tiere bis zu 12 Stunden nach dem Tod fixiert werden, ist sogar
die Chance recht groß, dass wir Rattenhalter selbst genügend (sowieso
verstorbene) Tiere zur Obduktion einschicken können, deren Augen entsprechend
untersucht würden.
Momentan
bin ich in dieser Sache auf der Suche nach einem Institut, das sich
für diese Fragestellung interessiert und uns unterstützen würde. Sobald
ich fündig geworden bin, werde ich hierzu einen Aufruf im RattGeber
veröffentlichen.
Sicher
wundert sich mancher, warum mir diese Fragestellung so wichtig ist.
Die Antwort ist einfach:
Durch die
Beobachtung, dass rotäugige Ratten mit dem Kopf hin- und herwackeln
bin ich mir schon sehr lange sicher gewesen, dass diese Tiere Beeinträchtigungen
ihrer Sehfähigkeit hinnehmen müssen. Dies habe ich jetzt zu einem guten
Teil untermauern können. Die noch offenen Fragen können mit ein bisschen
Glück in ein, zwei Jahren ebenso geklärt sein.
Diese Tiere
sind also behindert, weil wir Menschen meinen, ihr heller Pelz stünde
ihnen ja so gut.
Ich bin
der festen Überzeugung, dass wir Menschen kein Recht haben, diese Entscheidung
zu treffen, sondern in der Zucht das gesundheitliche Wohl der Ratte
über unser eigenes Schönheitsempfinden zu setzen haben.
Das Argument
"Die Tiere werden aber trotzdem gewollt, dann ist es besser, sie wachsen
bei verantwortungsvollen Züchtern auf statt bei gewissenlosen Vermehrern"
möchte ich so nicht stehenlassen: Wenn das Wissen um die Behinderung
der Farbschläge mit hellen Augen genauso bekannt wird wie es schon jetzt
das Wissen um die Behinderung der schwanzlosen Tiere bekannt ist, dann
werden hoffentlich viele Rattenfreunde davon absehen, extra für sich
diese Tiere züchten zu lassen. Es wird immer einige (hoffentlich wenige)
geben, die es anders sehen, aber wenn viele Rattenhalter dieses Wissen
weitertragen, dann werden hoffentlich auch viele Würfe helläugiger Tiere
vermieden werden.
Oft höre
ich auch: "Ich kann nicht erkennen, dass mein helläugiges Tier sich
anders verhält als die anderen. Es ist sicher nicht so schlimm, wenn
die Ratten etwas schlechter sehen, schließlich ist es ja nicht ihr Hauptsinn!"
Dem kann
ich folgendes entgegensetzen: Wir Menschen nehmen 83% unserer Sinneseindrücke
über die Augen auf, nur 17% über die Ohren. Auch Taube können sich so
orientieren und bewegen, dass ihre Behinderung oft kaum auffällt. Aber
möchte wirklich einer von uns auf das Hören verzichten?
Ich bedanke
mich ganz, ganz herzlich bei Frau Dr.med. Käsmann-Kellner für die geduldige
und sachkundige Beantwortung meiner vielen Fragen!
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Quellen:
- Ilia
M, Jeffery G. Delayed neurogenesis in the albino retina: evidence
of a role for melanin in regulating the pace of cell generation.
Brain Res Dev Brain Res 1996, 95:176-83
- Ilia
M, Jeffery G. Retinal mitosis is regulated by dopa, a melanin
precusor that may influence the time at which cells exit the
cell cycle: analysis of patterns of cell production in pigmented
and albino retinae. J. Comp Neurol 1999, 405:394-405
- Jeffery
G, Darling K, Whitmore A. Melanin and the regulation of mammalian
photoreceptor topography. Eur J Neurosci 1994 6:657-67
- Käsmann-Kellner
B, Ruprecht KW. Albinismus. Klassifikation und klinisches
Spektrum. Z prakt Augenheilkd 1999; 20:189-203
- Käsmann-Kellner
B. Aktuelle Klassifikation des okulokutanen und des okulären
Albinismus NOAH 1998, 2/5: 30-46
...sowie
weitere Quellen, die auf Nachfrage gerne genannt werden
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