
Rattenhaltung - ein Gesundheitsrisiko?
Mannheim/Frankfurt
09.04.1998
Seit Anfang '98 kursieren Pressemeldungen, in denen vor zahmen Ratten als Überträger
der gefährlichen Leptospirose gewarnt wird. Auch das Fachblatt Die
Ärztliche Praxis warnte vor den Risiken durch Rattenhaltung. Bezeichnenderweise
gehen alle Meldungen zu diesem Thema auf die gleiche Quelle zurück.
Das Robert-Koch-Institut, Berlin, schildert in seiner Publikation Epidemiologisches Bulletin 2/98 mehrere Fälle von Leptospireninfektionen. Ein Beispiel beschreibt den Einzelfall eines Münchners und seiner Familie, der aufgrund einer verspätet erkannten Leptospireninfektion zu einem Krankenhausaufenthalt mit Intensivbehandlung gezwungen war.
Gegen Ende des Fallbeispiels vermutet das RKI: Als Infektionsquelle müssen zwei weiße Zuchtratten gelten, die in der Familie als Haustiere gehalten werden.. Dies ist eine sehr wage Vermutung, da die beschriebenen Ratten den behandelnden Ärzten weder vorgeführt, geschweige den untersucht wurden. Die Aussage entbehrt also jeglicher wissenschaftliche Grundlage, denn weiter heißte es: Eine nachträgliche Untersuchung der Tiere sowie das Abschaffen derselben wurde entschieden abgelehnt.
Der VdRD e.V., seines Zeichens weltgrößter Zusammenschluß von Rattenfreunden, ist den geschilderten Gefahren durch Ratten auf den Grund gegangen. In diesem Fall handelt es sich um sog. Farbratten (rattus norvegicus domesticus), Nachfahren der seit über 100 Jahren gezüchteten Laborratten. Die Aussage in manchen Berichten, es handle sich um Hausratten ist grundfalsch. Unter dem Begriff Hausratte wird in Deutschland eine eigene Wildform (rattus rattus) geführt, die u.a. in England black rat genannt wird. Da diese Wildform in freier Natur lebt, besteht, wie z.B. bei Igel, Taube und Eichhörnchen auch, natürlich die Gefahr der Krankheitsübertragung. Nebenbei sei erwähnt, dass die Hausratte in Europa auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten steht.
Leptospirose ist
eine seit langem bekannte Naturherdinfektion. Sie ist auch unter dem Namen Stuttgarter
Hundeseuche bekannt, was auf einen weiteren potentiellen Übertrager
der Krankheit, den Hund, hinweist. Im Gegensatz zu Hunden kommt die Farbratte
mit dem Erreger jedoch nicht in Kontakt, da es sich um reine Stubentiere handelt,
die nicht Gassiegehen müssen. Vielmehr besteht die Gefahr,
dass die Farbratten von ihrem Halter z.B. mit Schnupfen angesteckt werden.
Auch aus Fachkreisen kommt Entwarnung. Prof. Dr. Mehlhorn, Parasitologe, äußerte
schon vor Jahren gegenüber Vertretern des VdRD e.V., dass man eine klare
Trennung zwischen der wildlebenden Wanderratte und deren gezüchteten Nachfahren,
den Farbratten treffen müssen. Auch das Hamburger Tropeninstitut bestätigt,
dass von Farbratten keine besonderen Infektionsrisiken ausgehen.
Der VdRD e.V.
hat sich zusätzlich noch bei der Veterinär medizinischen Universität
Gießen rückversichert. So schrieb Prof. Dr. Neumann, Initiator des
Internetdienstes tiermedizen.de, in einem eMail an den Verein:
»1. Wenn Ratten aus einer kontrollierten Aufzucht stammen und keinen Kontakt
zu infizierten (Wild-) Ratten oder Tieren hatten, ist die Wahrscheinlichkeit
sehr gering, dass sie an Leptospirose erkrankt sind.
2. Man kann vorhandene Ratten auf den Befall mit Leptospirose testen.
3. Auch gegen eine Impfung ist prinzipiell nichts einzuwenden.
4. Solange kein definitiver, MEDIZINISCHER Befund eines erkrankten Tieres/Menschen
vorliegt, sollte man die Pferde nicht scheu machen.
5. Die Art/der Farbschlag einer Ratte hat übrigens nichts mit der möglichen
Infektion Leptospirose zu tun.«
Bundesweit werden im Jahr nur zwischen 20 bis 30 Leptospirosefälle gemeldet, die auf die verschiedensten Ursachen zurück gehen. Der VdRD e.V. hat derzeit über 800 Mitglieder und steht bundesweit über seine Regionalgruppen mit über 2000 Rattenhaltern in Kontakt. Das Postfach des VdRD e.V. beantwortet in jeder Woche zwischen 60 bis 80 Anfragen von Rattenfreunden. Meldungen einer Leptospiroseerkrankung waren seit Gründung des VdRD e.V. im Jahre 1993 nicht dabei. Schätzungen gehen von insgesamt 80.000 Rattenhaltern bzw. 280.000 gehaltenen Farbratten in der Bundesrepublik aus. Jetzt wird erstmals vermutet, dass ein einziger Fall von Leptospirose auf Farbratten zurückzuführen sein könnte. Ein Lottogewinn ist wohl wahrscheinlicher als eine Leptospiren-Infektion durch die im Haus gehaltenen Farbratten. Es besteht also kein Grund, die Tiere abzuschaffen.
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